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Foto: M. Bode

Autorin: Anne-Marie Glaser

 

Mit harter Arbeit und Freunden zum Rekord

Zwei etwa 20-jährige Männer sitzen an der Theke einer Gaststätte in Fautenbach. Der eine arbeitet seit kurzem Akkord am Fließband und zieht den anderen ein bisschen damit auf, dass er nun um einiges mehr verdient als der Kfz-Mechaniker. Letzterer meint darauf nur trocken: „Das ist mir egal, meine Arbeit macht mir Spaß.“


Mehr als zweieinhalb Jahrzehnte sind seit diesem Gespräch vergangen. Günter Retsch ist heute 46 Jahre alt und hat sich auf Zweiräder spezialisiert. Und noch immer ist sein Beruf für ihn mehr als nur Broterwerb, sondern Leidenschaft. Deshalb „schraubt“ er auch nach Feierabend noch gerne, was sehr tief gestapelt ist. Immerhin entstand so auf Basis einer Ducati eine selbst entwickelte Rennmaschine, mit der Retsch vergangenen August auf dem Salzsee in Utah mit 272 Stundenkilometern den Weltrekord in der Klasse Zweizylinder bis 1 000 Kubik holte. Ein Ziel wäre auch die Aufnahme in den „200-Meilen-Club“ gewesen. Diese Geschwindigkeitsgrenze hat er leider nicht geknackt. „Aber unser Team wird 2014 einen neuen Versuch starten.“

 

Wenn Günter Retsch von dem Projekt erzählt, sagt er nie ich, sondern betont immer die Teamleistung. Im Vordergrund zu stehen, das behagt ihm nicht. „Ja, ich bin der Fahrer und habe den Motor konstruiert“, räumt er ein, um dann gleich zu betonen: „Aber ein Kollege hat ihn überholt. Andere haben die ganze Organisation übernommen oder sich um Sponsoren gekümmert. Da hängt so unglaublich viel dran, das hätte ich alleine nie schaffen können.“ Das NowSalt-Team besteht aus rund 20 Personen – Freunden, die nicht nur für die Vorbereitungen unzählige Abende und Wochenenden opferten, Urlaub nahmen, um ihn in die USA zu begleiten und die Reise natürlich selbst bezahlten. Sie taten das und sind jetzt wieder dabei, weil sie das Projekt begeistert und aus Freundschaft. Schließlich ist Günter Retsch für seine Freunde auch immer da – sei es als geduldiger Zuhörer bei Sorgen oder tatkräftig beim Hausbau.

 

Ein Motorradfahrer mit langen Rastalocken und Tätowierungen – da mag bei manchem das böse Vorurteil vom Rocker hochkommen. Tatsächlich ist Günter Retsch der freundliche Nachbar von nebenan, mit sympathischen Lachfältchen um die Augen. Die Kehrwoche pünktlich einzuhalten, ist für ihn genauso selbstverständlich wie sich die Hausarbeit mit Ehefrau Peggy zu teilen. Diese ist übrigens auch Motorradfahrerin. Günter Retsch lernte sie als Werkstattkundin kennen. „Sie hat mir vom ersten Augenblick gefallen“, verrät er. 2010 fand die Hochzeit statt. Beim Junggesellenabschied zuvor entstand die Idee für das Projekt Salzsee. Dieser wurde damals in London mit dem Besuch eines Dragster-Rennens gefeiert. Günter Retsch fuhr solche nämlich früher selbst und hat es sogar bei den Europa-Meisterschaften auf Platz vier geschafft. Wie der Acherner jedoch erklärt: „Irgendwann war das finanziell nicht mehr machbar und kostete auch fast die gesamte Freizeit.“


Die Leidenschaft für Motorräder scheint ihm in den Genen zu liegen. Seine Eltern stiegen erst als sie Kinder hatten vom Zweirad aufs Auto um. „Mit fast 60 Jahren kaufte sich mein Vater dann wieder ein Motorrad und meine Mutter fuhr begeistert auf dem Sozius mit“, so Retsch. Er selbst tuckerte bereits mit 16 auf dem Moped im Urlaub nach Luxemburg. Ein Jahr später ging es mit der Zündapp KS 50 nach Südfrankreich. „Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen“, meint der Acherner lachend. Noch heute liebt es der 46-Jährige zu verreisen. Dabei kann er auch gerne auf PS-Stärken verzichten. So erkundete Günter Retsch dreimal Thailand mit dem Fahrrad. „Beim ersten Mal konnten ein Freund und ich uns nicht einigen, ob wir die Rundreise mit dem Zug oder dem Bus machen sollen. Also sind wir mit dem Rad gefahren. Unglaublich, was wir durch die langsame Fahrt alles entdeckten. Das war so schön, dass es nicht bei dem einem Mal blieb“, berichtet er. Keine Frage, Günter Retsch liebt Herausforderungen und arbeitet hart, um seine Träume zu verwirklichen. Im Vordergrund steht für ihn aber immer auch die Lebensfreude.